Das Herbarium ist eine selbständige Einrichtung der Universität und gehört in administrativer Hinsicht zum Institut für Biologie (AG Molekulare Evolution und Systematik der Pflanzen) und somit zur Fakultät für Lebenswissenschaften.

Blick in den tropischen Regenwald
Die Arbeitsgruppe forscht zu tropischer Vegetation, Foto: Alexandra Müllner-Riehl

Das Leipziger Herbarium repräsentiert in erster Linie eine Forschungssammlung. Da bestimmte Teilsammlungen speziell für die studentische Ausbildung konzipiert wurden und rege genutzt werden, ist es auch für die Lehre von besonderem Wert.

Herbarien sind vergleichbar mit Bibliotheken, in denen nahezu unerschöpfliche Informationen über die heimische oder auch exotische Pflanzenwelt archiviert sind. Es besteht die Möglichkeit, Pflanzen verschiedenster Herkünfte vergleichend zu analysieren. Herbarien sind somit unentbehrliche Referenzsammlungen für die systematische Forschung. Dank der Fortschritte auf präparativem und analytischem Gebiet können an herbarisierten Pflanzen selbst modernste Untersuchungsmethoden, wie z.B. Elektronenmikroskopie, Pigment- oder DNA-Analysen, zur Anwendung kommen.

Die Bedeutung von botanischen Sammlungen ist keineswegs auf die Systematik beschränkt. Auch fachverwandte Wissenschaftsdisziplinen, hervorgehoben seien Ökologie, Zoologie, Pharmazie, Genetik, Biochemie, Umwelt- und Naturschutz benötigen den Sammlungsbestand der Herbarien für die Forschungsarbeit. Dabei geht es beispielsweise um Rückgangs- oder Ausbreitungstendenzen von Pflanzen, um die Suche nach medizinisch wirksamen Naturstoffen oder um das Studium von Wechselbeziehungen zwischen Tieren und Pflanzen (u.a. Bestäubung, Fruchtverbreitung oder Fraß).

Von den weltweit über 2.600 öffentlichen botanischen Sammlungen, in denen über 300 Millionen Pflanzenbelege aufbewahrt werden, zählt das Leipziger Herbarium zu den traditionsreichsten. Es wurde bereits 1806 von Chr. F. Schwägrichen (1775 – 1853) gegründet und ist das älteste Universitätsherbarium Deutschlands.

Über seine frühe Geschichte ist nur wenig bekannt. Auf Initiative von G. Kunze (1793-1851) wurde ab etwa 1830 die Sammlung wesentlich vergrößert. Auch andere bedeutende Leipziger Botaniker, z.B. E. F. Poeppig (1798 – 1868), G. H. Mettenius (1823 – 1866) oder J. A. Schenk (1815 – 1891), bereicherten das Herbarium durch wertvolle Kollektionen. Da lange Zeit Farnpflanzen den Forschungs- und Sammelschwerpunkt bildeten, war Leipzigs Herbarium vor allem berühmt wegen Belegen aus dieser Pflanzengruppe. Auch als in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts die Pflanzenphysiologie in Leipzig Weltruf erlangte, wurde der Ausbau der Sammlungen fortgesetzt. Beim Bombenangriff auf Leipzig im Dezember 1943 wurde das Botanische Institut zerstört und das Herbarium vollständig vernichtet. Ab 1947 wurde unter Leitung von G. Weichsel (1905 – 1977) mit dem Wiederaufbau des Herbariums begonnen. Die Aktivitäten wurden über Jahrzehnte zielstrebig unter dem Direktorat von G. K. Müller und der kustodialen Betreuung durch P. Gutte fortgesetzt.

Der Sammlungsbestand wird bis in die Gegenwart kontinuierlich erweitert. In der DDR-Zeit konnte das Herbarium nur provisorisch in einem Dachgeschoss untergebracht werden, seit 1995 befindet es sich in großzügig ausgestatteten Räumen.

Die Leitung des Herbariums obliegt der Professur für botanische Systematik. Ein Kustos bzw. Sammlungsbeauftragter ist für die wissenschaftliche Betreuung verantwortlich. Dies betrifft unter anderem die Determination des Materials und die sachgemäße Archivierung.

Ein Sammlungsraum mit in Kartons archivierten Belegen von Samenpflanzen im Herbarium LZ, AG Müllner-Riehl
In Kartons archivierte Belege von Samenpflanzen im Herbarium LZ, Foto: A. Müllner-Riehl

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt befinden sich im Herbarium circa 150.000 Pflanzen- und Pilzbelege. Dabei entfallen auf die Samenpflanzen etwa 130.000 Aufsammlungen (inklusive Samen, Früchte, Holzproben), relativ umfangreich sind auch die Pilzkollektionen mit circa 13.000 Belegen. Von vergleichsweise geringem Umfang sind die Sammlungen an Algen, Moosen und Flechten.

In geographischer Hinsicht haben die Kollektionen aus den Vegetationsformationen der Anden und den Regenwäldern Südamerikas die größte Bedeutung (über 50.000 Belege). Besonders bemerkenswert ist des Weiteren die Regionalsammlung zur Dokumentation der Flora von Leipzig und Sachsen (ca. 50.000 Belege).

Der größte Teil des Belegmaterials wurde und wird von Leipziger Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auf Forschungsreisen, Exkursionen oder in der Freizeit gesammelt. Der Pflanzenbestand des Herbariums reflektiert also in hohem Maße frühere und aktuelle Forschungsschwerpunkte. Durch Tausch von Duplikaten sowie durch Schenkung (teils aus Nachlässen) gelangten zahlreiche weitere Belege aus aller Welt ins Herbarium.

Als besonders aktive Sammler sind zu nennen:

  • Farn- und Samenpflanzen: O. Fiedler (1880 – 1971), P. Gutte (geb. 1939), W. Morawetz (1951 – 2007), G.K. Müller (geb. 1929)
  • Pilze: R. Conrad (1938 – 2006), P. Otto (geb. 1961)

Die Aufsammlungen werden entsprechend ihrer systematischen Zugehörigkeit nach großen Verwandtschaftskreisen gruppiert und in Teilsammlungen untergebracht. Separat werden z.B. große Früchte, Hölzer und Fossilien aufbewahrt, auch die Feuchtpräparate befinden sich in einer Sondersammlung. Welche Art der Präparation und Konservierung zur Anwendung kommt, ist einerseits abhängig von der jeweiligen systematischen Gruppe, andererseits von den beabsichtigten Untersuchungen. Beispielsweise wird Material für zytologische und karyologische Forschungen in Gemischen aus Alkohol, Formalin und Essig aufbewahrt. Bei sorgfältiger Konservierung und schonender Lagerung sind die Pflanzen- und Pilzbelege über viele hundert Jahre haltbar und weisen auch nach langer Zeit noch die wichtigsten Merkmale für ihre Identifizierung auf.

Mehrere Hundert besonders attraktive oder für die Systematik sehr wichtige Belege werden in Vitrinen gezeigt und dienen Lehr- bzw. Schauzwecken. Eine als Studienherbarium bezeichnete, etwa 250 Pflanzenarten umfassende Kollektion vermittelt Studierenden einen Überblick über die heimische Flora. Zum Herbarium gehört auch ein Fundus an botanischen Archivalien. Er umfasst u.a. wissenschaftliche Fotos und Zeichnungen, Fundkarteien sowie Publikationen zur Geschichte der Botanik und seiner Sammlungen.

Gezeigt wird der Beleg einer Tillandsia im Herbarium Leipzig
Beleg einer Tillandsia im Herbarium LZ, Foto: A. Müllner-Riehl

Durch die Vernichtung des Herbariums im 2. Weltkrieg existieren keine für die taxonomische Forschung bedeutsamen historischen Leipziger Belege. Dies betrifft u.a. Aufsammlungen von B. Auerswald (1818 – 1870), G. Kunze (1793 – 1851), G. H. Mettenius (1823 – 1866), E. F. Poeppig (1798 – 1868) und H. G. Winter (1848 – 1887). Allerdings gibt es vier durch Schenkung aus München (Herbarium M) erhaltene Belege von E. F. Poeppig (einer davon ist ein Isotypus: Leucheria paniculata Poeppig ex Lessing).

Typus-Material

Samenpflanzen

Art Typus

Acacia dietrichiana 
F. v. M.

Isotypus

Chloris halophila var. humilis 
Ch. Müller

Holotypus

Choricarpia leptopetala (F. Muell.)
Domin

Paratypus

Cyperus haspan var. dietrichae 
Domin

Syntypus

Elaeodendron australe var. pedunculosa 
Domin

Isosyntypus

Helictotrichon pubescens 
(Huds.) Pilg.

Isoneotypus

Jacaranda crassifolia 
Moraw.

Paratypus

Jacaranda montana
 Moraw.

Iso- und Paratypus

Jacaranda pulcherrima 
Moraw.

Isotypus

Jacaranda subalpina 
Moraw.

Iso- und Paratypus

Klarobelia megalocarpa 
Chatrou

Isotypus

Klarobelia pumila 
Chatrou

Isotypus

Lepanthes herzogii 
Luer

Holotypus

Leucheria paniculata 
Poeppig ex Lessing

Isotypus

Mosannona pacifica 
Chatrou

Isotypus

Nasa triphylla ssp. colonchensis 
Weigend

Holotypus

Oenothera lipsiensis 
Rostanski & Gutte

Holo- und Paratypus

Oenothera nissensis var. fiedleri 
Gutte & Rostanski

Holotypus

Oenothera punctulata 
Rostanski & Gutte

Isotypus

Oenothera rubricaulis var. longistylis 
Gutte & Rostanski

Isotypus

Oenothera turoviensis 
Rostanski

Isotypus

Oenothera velutinifolia 
Hudziok

Isotypus

Oenothera rigirubata 
Renner ex Gutte & Rostanski

Isotypus

Oenothera saxonica 
Gutte & Rostanski

Holotypus

Phalaris peruviana 
H. Scholz & Gutte

Iso- und Paratypus

Piptochaetium juninense 
O. Tovar & Gutte

Holotypus

Pitcairnia gutteana 
W. Weber

Holotypus

Pseudoxandra spiritus-sancti 
Maas

Isotypus

Puya gerdae 
W. Weber

Holotypus

Puya gerd-muelleri 
W. Weber

Holotypus

Puya gutteana 
W. Weber

Holotypus

Puya macbridei ssp. yungayensis 
W. Weber

Holotypus

Racinaea marioportillae 
Hoepfel & Scharf

Paratypus

Sabazia microspermoides 
Longpre

Isotypus

Sarcopera flammifera 
de Roon & Bedell

Paratypus

Sigesbeckia abyssinicum 
Sch. Bip.

Isotypus

Sigesbeckia australiensis 
D.L. Schulz

Holo- und Isotypus

Sigesbeckia bogotensis 
D.L. Schulz

Holotypus

Sigesbeckia repens 
Rob. & Greenm.

Isotypus

Siphonandra boliviana 
Luteyn

Isotypus

Tillandsia gerd-muelleri 
W. Weber

Holotypus

Tillandsia gutteana 
W. Weber

Holotypus

Tillandsia zaratensis 
W. Weber

Holotypus

Pilze

Art Typus

Ganoderma lipsiense 
(Batsch) G.F. Atk.

Epitypus

Psilocybe natalensis 
J. Gartz, D.A. Reid, M.T. Smith  & A. Eicker

Holotypus

 

Exsikkatenwerke

Diese befinden sich im Herbarium durch Schenkung bzw. Dauerleihe. 

  • C. Kopsch: Bryotheca Saxonica (1919 – 1936)
  • K. W. Krieger: Fungi Saxonici Exsiccati (1902 – 1919)
Zu sehen ist das Exsikkatenwerk Fungi Saxonici Exsiccati von K. W. Krieger
Exsikkatenwerk Fungi Saxonici Exsiccati von K. W. Krieger im Herbarium LZ, Foto: A. Müllner-Riehl

Das Belegmaterial des Herbariums steht Wissenschaftlern und Forschungseinrichtungen in aller Welt zur Verfügung. Unter der internationalen Kurzbezeichnung LZ für „Herbarium Universitatis Lipsiensis“ wird mit zahlreichen Institutionen ein Leih- und Tauschverkehr durchgeführt. In diesem Zusammenhang erfolgt auch die Bereitstellung von Literatur über botanische Systematik sowie die Erteilung von Auskünften mit taxonomischer Relevanz.

Es werden Exponate zum Thema „Pilze zum Genießen, Heilen, Färben und Gestalten“ im Herbarium LZ gezeigt
Exponate zum Thema „Pilze zum Genießen, Heilen, Färben und Gestalten“ im Herbarium LZ, Foto: A. Müllner-Riehl

Die Öffentlichkeitsarbeit spielt aufgrund der personellen und räumlichen Situation nur eine untergeordnete Rolle. Als öffentliche Sammlung steht das Herbarium einschließlich der umfangreichen Handbibliothek sowohl Wissenschaftlern als auch botanisch interessierten Laien zwecks Besichtigung oder Nutzung zur Verfügung.

Außerdem werden als Serviceleistung für die Bevölkerung z.B. Artbestimmungen vorgenommen, Kulturempfehlungen für Pflanzen gegeben oder Maßnahmen gegen phytoparasitische Pilze empfohlen.

Führungen werden jeden ersten Mittwoch im Monat (ab 16:00 Uhr) angeboten und sind nach Absprache auch zu anderen Terminen möglich. Schulklassen und Kindergartengruppen sind ebenfalls sehr willkommen. Neben der Hauptsammlung wird bei Führungen die Lehr- und Schausammlung präsentiert, die bei speziellen Themenangeboten durch Frischmaterial ergänzt wird (z.B. Früchte).

Es wird in jedem Fall um Anmeldung gebeten. Die Führungen sind kostenfrei.

Das Herbarium ist im Obergeschoss der Johannisallee 21-23 untergebracht. Der Zugang ist behindertengerecht. Das Gebäude ist ca. 100 m vom Ostplatz entfernt und gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Empfohlen wird die Benutzung der Straßenbahnlinien 12 und 15 (bis Ostplatz) oder der Buslinie 60 (bis Ostplatz).

Gezeigt werden Vitrinen der Lehr- und Schausammlung im Herbarium LZ, AG Müllner-Riehl
Vitrinen der Lehr- und Schausammlung im Herbarium LZ, Foto: A. Müllner-Riehl

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