Wir informieren Sie zu Erscheinungsbild, Ursachen und Behandlung der häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Da der Forschungsschwerpunkt unserer Arbeitsgruppe auf Entstehungs- und Aufrechterhaltungsfaktoren von Angststörungen bei Kindern und Jugendlichen liegt, können wir eine besondere Diagnostik- und Behandlungsexpertise für dieses Störungsbild anbieten.

Angststörungen

Angst ist eine wichtige Emotion, die zum Leben dazugehört und uns vor Gefahren warnen kann. Wenn Ängste jedoch sehr stark und häufig auftreten und lange bestehen bleiben, wenn sie regelmäßig in Situationen vorkommen, die eigentlich nicht gefährlich sind, bestimmte Situationen deswegen vermieden werden und der Alltag davon beeinträchtigt ist, kann sich eine Angststörung entwickeln.

Angststörungen gehören zu den am häufigsten vorkommenden psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter: 6 bis 21 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind davon betroffen und drei Viertel aller Angststörungen treten das erste Mal vor dem 21. Lebensjahr auf (Kessler et al., 2005; Petermann & Petermann, 2017; Weniger, Nestler, & Schulze, 2013). Dabei können sich die Ängste auch in körperlichen Beschwerden wie Kopf- oder Bauchschmerzen äußern, bei kleineren Kindern kann z.B. auch exzessives Schreien oder Weinen ein Ausdruck von Angst sein.

Es gibt verschiedene Formen von Angststörungen, die auch gemeinsam oder in Kombination mit anderen psychischen Erkrankungen (z.B. Depressionen) auftreten können.

Spezifische Phobien sind durch eine anhaltende und unangemessene ausgeprägte Angst vor bestimmten Objekten oder Situationen gekennzeichnet, welche in der Folge vermieden werden. Oft löst schon der Gedanke daran eine starke Angstreaktion aus. Die gefürchteten Dinge können ganz unterschiedlich sein: einige Kinder haben Angst vor bestimmten Tieren (z.B. Spinnen), andere vor Situationen (z.B. enge Räume), auch Naturereignisse (z.B. Gewitter), Verletzungen (z.B. Blut) oder sonstige Situationen (z.B. Verschlucken) können zu einer Phobie werden.

Spezifische Phobien sind keine Seltenheit: ca. 7 bis 9 Prozent der 6 bis 18-Jährigen sind davon betroffen (Costello, Copeland, & Angold, 2011; Schlup & Schneider, 2009). Sie beginnen von allen Phobien am frühesten und können bereits im Kleinkindalter auftreten.

Für die Entstehung einer Spezifischen Phobie gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze. So sind vermutlich Lernerfahrungen sehr wichtig, zum Beispiel wenn ein Kind ängstliches Verhalten bei einer anderen Person beobachtet („Modelllernen“) oder selbst eine schlechte Erfahrung mit dem Objekt/Situation gemacht hat (z.B. vom Hund gebissen wurde). Aber auch genetische Faktoren spielen eine Rolle. Einen wichtigen Anteil an der Aufrechterhaltung von phobischen Störungen hat das Vermeidungsverhalten. Dadurch, dass die Kinder/Jugendlichen den gefürchteten Objekten oder Situationen (z.B. Hunden) „aus dem Weg gehen“, erleben sie auch keine Angstreaktion mehr im Zusammenhang damit. Diese ausbleibende Angst verstärkt wiederum die Annahme „Hunde sind gefährlich“, denn wenn die Vermeidung von Hunden dazu führt, dass keine Angst mehr auftritt, denkt sich das Gehirn „Da muss ja wirklich was dran sein an der Angst“. Somit werden Hunde in der Folge erst recht vermieden und es gibt keine Möglichkeit, neue, positive Erfahrungen mit dem Tier zu machen.

Ein Junge mit angstverzerrtem Gesicht steht neben einem Hund.
Angst vor Hunden ist bei Kindern und Jugendlichen häufig (Bild: Colorbox)

Bei einer Panikstörung treten regelmäßig abrupte „Panikattacken“ auf. Dabei steigert sich die Angst innerhalb kurzer Zeit sehr stark und es kommt zu körperlichen Erscheinungen wie Schwindel, Herzklopfen oder Brustschmerz und manchmal sogar der Angst, zu sterben. Solche Angstattacken können auch im Rahmen anderer Angsterkrankungen (z.B. Phobien) auftreten, Kennzeichen der Panikstörung ist jedoch, dass das Auftreten nicht vorhersehbar ist und sich z.B. nicht auf bestimmte Situationen beschränkt.

Panikstörungen sind im Kindesalter eher selten und treten bei 0,5 bis 1,5 Prozent der Kinder und Jugendlichen auf (Costello et al., 2011).

Ein Modell zur Erklärung der Panikstörung ist der „Teufelskreis der Angst“. Dieser besagt, dass es durch äußere Reize (z.B. Treppe steigen) zu körperlichen Veränderungen (z.B. erhöhte Herzfrequenz) kommt. Werden diese Veränderungen als „gefährlich“ bewertet, kommt es zu Angst bzw. Panik und dadurch treten erneut körperliche Veränderungen (z.B. Zittern) auf, die dann ihrerseits wieder als „gefährlich“ wahrgenommen werden – ein „Teufelskreis“ entsteht. Die Ausbildung dieser Erkrankung wird außerdem durch genetische Faktoren und Lernerfahrungen (z.B. von unkontrollierbaren Situationen) begünstigt.

Bei der Generalisierten Angststörung stehen häufig auftretende und als unkontrollierbar erlebte Sorgen und Befürchtungen über verschiedene Themen (z.B. Versagen in der Schule, zukünftiges Unglück) im Vordergrund. Kinder mit Generalisierter Angststörung werden häufig als „kleine Erwachsene“ bezeichnet, weil sich die Sorgen häufig um für Erwachsene typische Themen wie Gesundheit und Finanzen drehen. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen sind oft stark angespannt und fühlen sich unruhig, auch Schlaf- und Konzentrationsstörungen sind häufig. Ebenso können körperliche Beschwerden ohne medizinische Ursache wie Bauch- und Kopfschmerzen auftreten. Typisch ist außerdem ein perfektionistisches Verhalten, weshalb die Kinder häufig als reifer oder gewissenhafter als Gleichaltrige beurteilt werden.

Obwohl die Generalisierte Angststörung am häufigsten im mittleren Erwachsenenalter beginnt, sind auch ca. 1,7 bis 1,9 Prozent der Kinder- und Jugendlichen davon betroffen (Beesdo, Kappe, & Pine, 2009; Costello et al., 2011).

Wichtige Entstehungsfaktoren sind ein überängstliches Temperament, genetische Einflüsse und neurobiologische Faktoren. Auch Umweltfaktoren wie elterliche Überbehütung spielen eine Rolle. Außerdem werden bei den Betroffenen Kindern und Jugendlichen Auffälligkeiten in der Informationsverarbeitung beobachtet, so werden mehrdeutige Situationen beispielsweise eher als bedrohlich eingeschätzt und die Wahrscheinlichkeit, dass ein negatives Ereignis eintritt, wird überschätzt.

Bei einer Agoraphobie haben die betroffenen Kinder und Jugendliche Angst davor, sich in bestimmten Situationen nicht an einen sicheren Platz zurückziehen zu können. Solche Situationen können zum Beispiel Menschenmengen, öffentliche Plätze und Reisen mit weiter Entfernung von zuhause sein. Manchmal ist die Angst so groß, dass die Betroffenen das Haus gar nicht mehr verlassen möchten und z.B. nicht mehr zu Schule gehen können. Häufig treten in den befürchteten Situationen auch sogenannte „Panikattacken“ auf („Agoraphobie mit Panikstörung“).

Die Agoraphobie beginnt meist im späteren Jugend- und frühen Erwachsenenalter und tritt im Kindesalter selten auf (Heiser, 2018). Von den Erwachsenen sind ca. 2 bis 4 Prozent davon betroffen (Kindermann, Mühlberger, & Voderholzer, 2016).

Eine Agoraphobie kann, wie auch die Spezifische Phobie, aus Lernerfahrungen in Kombination mit genetischen Veranlagungen entstehen. Die Vermeidung der gefürchteten Situationen bzw. Orte verstärkt die Angst meist zusätzlich.

ein Mann steht auf einer Bühne und schwitzt
Vor Menschen zu sprechen kann angsteinflößend sein. (Bild: Colorbox)

Kinder und Jugendliche mit Sozialer Angststörung haben Angst vor sozialen Situationen, wie der Interaktion mit anderen Menschen (z.B. auf eine Geburtstagsfeier mit anderen Kindern gehen) und/oder Leistungssituationen (z.B. ein Referat in der Schule halten). Dabei haben sie Sorge, sich zu blamieren oder negativ bewertet zu werden. In den betreffenden Situationen können verschiedene Körperreaktionen wie Übelkeit, Erröten oder Zittern auftreten. Die Soziale Angststörung kann zu einer großen Alltagsbeeinträchtigung führen, so haben es die Betroffenen beispielsweise oft schwer, Freundschaften zu schließen.

Eine Soziale Angststörung beginnt bei etwa der Hälfte der Betroffenen vor dem 13. Lebensjahr (Beesdo-Baum & Knappe, 2012). Häufig zeigen sich schon im Kindergartenalter Schüchternheit und ein gehemmtes Temperament. Je nach Studie wird berichtet, dass 1 bis 10 Prozent der Kinder und Jugendliche an einer Sozialen Angststörung leiden (Costello et al., 2011; Essau et al., 2000; Wittchen et al., 1999).

Bei der Entwicklung der Erkrankung spielen biologische und genetische Faktoren, aber auch Lernerfahrungen (z.B. Ausgrenzung durch Gleichaltrige; Überbehütung durch die Eltern) eine Rolle. Zudem fällt es den betroffenen Kindern häufig schwer, mit negativen Emotionen umzugehen und sie achten besonders auf Reize, die bedrohlich sein könnten.

Trennungsangst ist bei jüngeren Kindern ein entwicklungstypisches Verhalten. Bei der Emotionalen Störung mit Trennungsangst, die ab dem Vorschulalter auftreten kann, besteht jedoch eine altersunangemessene und außergewöhnlich starke Angst davor, sich von wichtigen Bezugspersonen zu trennen. Die betroffenen Kinder und Jugendliche fürchten sich zudem davor, dass den Bezugspersonen etwas zustoßen könnte oder sie auf andere Weisen von ihnen getrennt werden (z.B. durch eine Entführung). Aus dieser Angst heraus können sie sich zum Beispiel davor weigern, alleine tagsüber zuhause zu bleiben, alleine zu schlafen oder in die Schule bzw. den Kindergarten zu gehen. Falls die Vermeidung der Trennungssituation nicht möglich ist, kann gereiztes oder aggressives Verhalten auftreten (z.B. um sich schlagen). Auch wiederholte Albträume und körperliche Beschwerden wie Bauchschmerzen oder Übelkeit können Teil der Erkrankung sein.

Die Emotionale Störung mit Trennungsangst tritt bei etwa 2 bis 4 Prozent der Kinder auf (Costello et al., 2011; Schneider & Blatter, 2009).

Bislang gibt es noch keinen spezifischen Erklärungsansatz zur Entstehung der Erkrankung. Es wird angenommen, dass ein gehemmtes Temperament und ein unsicherer Bindungsstil sowie ein überbehütendes Erziehungsverhalten und bestimmte Aufmerksamkeitsverzerrungen eine Rolle spielen.

Bei der Behandlung von Angststörungen findet zunächst eine Psychoedukation statt. Danach können verschiedene Kognitive Interventionen zum Einsatz kommen. Eine große Rolle spielt außerdem die Exposition/Konfrontation mit gefürchteten Objekten oder Situationen. Manchmal ist auch ein Soziales Kompetenztraining hilfreich.

  • Beesdo, K., Knappe, S. & Pine, D. S. (2009). Anxiety and Anxiety Disorders in Children and Adolescents: Developmental Issues and Implications for DSM-V. Psychiatric Clinics of North America, 32(3), 483–524. https://doi.org/10.1016/j.psc.2009.06.002
  • Beesdo-Baum, K. & Knappe, S. (2012). Developmental epidemiology of anxiety disorders. Child and Adoloscent Psychiatric Clinics of North America, 21(3), 456–478.
  • Costello, E. J., Copeland, W. & Angold, A. (2011). Trends in psychopathology across the adolescent years: What changes when children become adolescents, and when adolescents become adults? Journal of Child Psychology and Psychiatry and Allied Disciplines52(10), 1015–1025. https://doi.org/10.1111/j.1469-7610.2011.02446.x
  • Essau, C. A., Conradt, J. & Petermann, F. (2000). Frequency, comorbidity, and psychosocial impairment of anxiety disorders in german adolescents. Journal of Anxiety Disorders, 14(3), 263–279. https://doi.org/10.1016/S0887-6185(99)00039-0
  • Heiser, K. (2018). Entwicklung, Implementierung und Evaluation eines Behandlungsprogramms im teilstationären Setting für Kinder mit Angststörungen im Alter von 8-12 Jahren. Unveröffentlichte Dissertation, Ludwig-Maximilians-Universität München.
  • In-Albon, T. (2009). Generalisierte Angststörung. In S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 3: Störungen im Kindes- und Jugendalter (S. 593–608). Heidelberg: Springer.
  • Kessler R. C., Berglund P., Demler O., Jin, R., Merikangas, K. R. & Walters, E. E. (2005) Lifetime prevalence and age-of-onset distributions of DSM-IV disorders in the national comorbidity survey replication. Archives of General Psychiatry, 62, 593. https.//doi.org/ 602 10.1001/archpsyc.62.6.593
  • Kindermann, P., Mühlberger, M. & Voderholzer, U. (2016). Panikstörung und Agoraphobie. PSYCHup2date, 10(02), 115–132. https://doi.org/10.1055/s-0041-107999
  • Petermann, F., & Petermann, U. (2017). Angststörungen. Kindheit und Entwicklung, 26(2), 73–76. https://doi.org/10.1026/0942-5403/a000218
  • Schlup, B. & Schneider, S. (2009). Spezifische Phobien. In S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 3: Störungen im Kindes- und Jugendalter (S. 503–530). Heidelberg: Springer.
  • Schneider, S. & Blatter, J. (2009). Trennungsangst. In S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 3: Störungen im Kindes- und Jugendalter (S. 503–530). Heidelberg: Springer.
  • Weninger, L., Nestler, J. & Schulze, U. (2013). Angststörungen und phobische Störungen im Kindes- und Jugendalter. In J. M. Fegert & M. Kölch (Hrsg.), Klinikmanual Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie – 2. Auflage (S. 43–62). Heidelberg: Springer.
  • Wittchen, H. U., Stein, M. B. & Kessler, R. C. (1999). Social fears and social phobia in a community sample of adolescents and young adults: prevalence, risk factors and co-morbidity. Psychological Medicine, 29(2), 309–23.

Depressionen

Depressionen werden häufig mit Traurigkeit verbunden. Sich traurig zu fühlen und häufig zu weinen, kann zwar ein Ausdruck einer depressiven Erkrankung sein, allerdings gehören dazu auch noch andere Symptome wie FreudlosigkeitNiedergeschlagenheit oder Antriebslosigkeit, die von außen nicht immer gut wahrgenommen werden können. 

Ca. 1 bis 3 Prozent der Kinder sind von einer Depression betroffen (Blanz, Remschmidt, Schmidt, & Warnke, 2006; Wichstrom et al., 2012). Im Jugendalter (ab ca. 13 Jahren) steigt die Zahl deutlich an: auf ca. 6 bis 10 Prozent, wobei einige Studien sogar von 15 bis 20 Prozent sprechen (Costello, Erkanli, & Angold, 2006; Groen, Pössel, & Petermann, 2003; Mojatabai, Olfson, & Han, 2016). Bei einem Großteil der Betroffenen liegt noch mindestens eine weitere psychische Erkrankung vor. Depressionen haben viele Gesichter, die sich auch über die Zeit wandeln können. Sehr wichtig ist, dass sich depressive Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen anders äußern können als bei Erwachsenen. Häufig werden sie daher „übersehen“ und nicht als Depression erkannt.

Kleinkinder mit einer depressiven Symptomatik wirken häufig traurig und ausdrucksarm, können aber auch durch häufiges und „attackenartiges“ Weinen auffallen. Zudem sind sie meist schnell irritierbar und zeigen im Spiel wenig Phantasie, Kreativität und Ausdauer. Teilweise haben Sie auch gar keine Lust zu spielen. Auch Schlafstörungen und gestörtes Essverhalten sowie häufiges „Kränkeln“ können Ausdruck einer Depression sein.

Im Vorschulalter sind depressive Kinder ebenfalls häufig traurig, leicht zu verunsichern und können sich gar nicht „richtig“ freuen. Einige der betroffenen Kinder ziehen sich stark zurück. Aber auch Reizbarkeit und aggressives Verhalten kann im Zusammenhang mit einer depressiven Erkrankung stehen. Häufig haben die Kinder keine Freude an körperlichen Aktivitäten (z.B. Sportspielen) und interessieren sich generell für wenige Dinge. Ebenfalls werden Schlafstörungen (z.B. Alpträume) berichtet. Manche Kinder beginnen auch, wieder in „Babysprache“ zu sprechen oder einzunässen. Im Spiel kommen häufig Themen wie Schuld oder Wertlosigkeit auf.

Im Schulalter werden die traurigen Gedanken der Kinder nicht mehr nur im Spiel thematisiert, sondern können auch erzählt werden. Auch hier können aggressive Verhaltensweisen Ausdruck einer Depression sein. Außerdem berichten die betroffenen Kinder häufig über Konzentrationsschwierigkeiten in der Schule, auch die Schulleistungen können sich verschlechtern. Häufig klagen die Kinder auch über Bauch- oder Kopfschmerzen. Einige Kinder äußern zudem die Sorge, dass ihre Eltern ihnen nicht genug Beachtung schenken und suchen nach Zuwendung. Es kann auch vorkommen, dass lebensmüde Gedanken geäußert werden (Suizidalität). Dies sollte ganz besonders als „Warnsignal“ gesehen werden und professionelle Hilfe eingeschaltet werden.

Illustration einer niedergeschlagenen Person
Depressive Gedanken können sehr belastend sein. (Bild: Colorbox)

Jugendliche mit Depressionen wirken oft teilnahmslos, können aber auch häufig wütend oder verzweifelt sein. Oft ziehen sie sich zurück und wollen keine Zeit mehr mit Dingen verbringen, die ihnen früher Spaß gemacht haben. Zukunftsängste, Selbstvorwürfe und vermindertes Selbstvertrauen sind Themen, über die die Jugendliche häufig lange nachgrübeln. In der Schule zeigt sich die depressive Erkrankung oft durch Leistungsstörungen oder Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren. Auch Schlafprobleme und „Morgentiefs“ werden berichtet.  Die Jugendlichen können sich oft nicht richtig entspannen und fühlen sich körperlich krank, manchmal versuchen sie auch, ihre Selbstwertprobleme und Gefühle mit Drogen oder Alkohol zu „betäuben“. Zudem kann auch Suizidalität (Gedanken an den eigenen Tod und/oder Versuche, sich das Leben zu nehmen) eine Rolle spielen, weshalb schnell professionelle Unterstützung gesucht werden sollte.

Es gibt vielfältige Gründe für die Entstehung einer Depression. So können eine genetische Vorbelastung, Stress (z.B. in der Schule oder Familie) und belastende Ereignisse (z.B. Verlust einer wichtigen Person; Trennung der Eltern; Mobbingerfahrungen) zusammenspielen. Ein wichtiger Faktor bei der Entstehung und Aufrechterhaltung der Erkrankung sind die Gedanken, die Kinder und Jugendliche mit Depressionen haben. Diese sind meist nicht realistisch. So werden beispielsweise positive Erfahrungen häufig „heruntergespielt“ und kleinere Mängel überbewertet und es entsteht ein sehr negatives Bild von sich selbst, anderen Menschen und zukünftigen Ereignissen. Auch ein „Schwarz-Weiß-Denken“ („Alles ist entweder gut, oder schlecht, dazwischen gibt es nichts“) ist häufig zu beobachten. Oft treten ganz plötzlich sogenannte „automatische Gedanken“ auf (z.B. „Ich werde bestimmt von der Schule fliegen“) und lösen Gefühle wie Angst oder Traurigkeit aus. Außerdem hat der Rückzug von Aktivitäten, wie er häufig zu beobachten ist, meist negative Folgen: wenn ein Kind zum Beispiel nie auf Einladungen zu Freunden reagiert, wird es irgendwann vielleicht gar nicht mehr eingeladen und fühlt sich dadurch dann noch schlechter.

Bei der Behandlung von depressiven Erkrankungen wird zunächst eine Psychoedukation durchgeführt. Ein wichtiger Bestandteil der Therapie sind kognitive Interventionen, bei denen zum Beispiel die Veränderung des negativen Bildes der Kinder/Jugendlichen von sich selbst oder das Erlernen von Strategien zum Umgang mit negativen Emotionen ein Ziel sein können. Außerdem kommt dem Aktivitätsaufbau eine wichtige Rolle zu, bei dem neue, angenehme Aktivitäten etabliert werden sollen. Teilweise wird auch ein Soziales Kompetenztraining durchgeführt, um z.B. das Schließen neuer Freundschaften zu erleichtern.

Illustration von einer verzweifelten Person, der eine helfende Hand gereicht wird.
Depressionen sind behandelbar. (Bild: Colorbox)
  • Blanz, B., Remschmidt, H, Schmidt, M. H , Warnke, A. (2006). Psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter. (S. 357–363) Stuttgart, New York: Schattauer.
  • Groen, G., Pössel, P. & Petermann, F. (2003). Depression im Kindes- und Jugendalter. In F. Petermann, K. Niebank & H. Scheithauer (Hrsg.), Lehrbuch der Entwicklungswissenschaft: Entwicklungspsychologie, Genetik, Neuropsychologie. (S. 437–481). Berlin: Springer.
  • Costello E.J., Erkanli A., Angold A. (2006) Is there an epidemic of child or adolescent depression? Journal Of Child Psychology and Psychiatry, 47, 1263–1271.
  • Mojtabai, R., Olfson, M. & Han, B. (2016). National trends in the prevalence and treatment of depression in adolescents and young adults. Pediatrics, 138(6). https://doi.org/10.1542/peds.2016-1878
  • Pössel (2009). Depression/Suizidalität. In S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 3: Störungen im Kindes- und Jugendalter (S. 663–688). Heidelberg: Springer.
  • Wichstrom, L., Berg-Nielsen, T. S., Angold, A., Egger, H. L., Solheim E., & Sveen, T.H. (2012). Prevalence of psychiatric disorders in preschoolers. Journal of Child Psychology and Psychiatry, 53, 695–705.

ADHS

Bei dem Thema ADHS stellt man sich häufig einen typischen „Zappelphilipp“ vor – einen Jungen, der nicht stillsitzen kann. Hyperaktivität kann zwar ein wichtiges Merkmal dieser Erkrankung sein, allerdings können auch Kinder davon betroffen sein, die nach außen eher ruhig wirken (vorwiegend unaufmerksames Erscheinungsbild). Wichtig ist außerdem, dass auch Mädchen eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, wie es ausgeschrieben heißt, haben können. Vermutlich fallen die Verhaltensweisen bei Jungen jedoch stärker auf, weshalb bei diesen etwa doppelt bis dreimal so häufig eine ADHS festgestellt wird (APA, 2018; Göbel, Baumgarten, Kuntz, Hölling, & Schlack, 2018).

ADHS ist eine der häufigsten psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter. Ungefähr 4 bis 5 Prozent aller Kinder und Jugendlichen erhalten im Laufe ihres Lebens diese Diagnose (Göbel et al., 2018; Polanczyk, Willcutt, Salum, Kieling, & Rohde, 2014).

Je nachdem, welche Auffälligkeiten vordergründig sind, kann in drei Formen der ADHS unterschieden werden:

Bei dem gemischten Erscheinungsbild zeigen die Kinder und Jugendlichen sowohl Symptome von Unaufmerksamkeit (z.B. Flüchtigkeitsfehler, häufiges Verlieren von Gegenständen, Ablenkbarkeit) als auch Hyperaktivität (z.B. Herumrutschen auf dem Stuhl, häufiges Umherlaufen, Schwierigkeiten, sich ruhig zu beschäftigen) und Impulsivität (z.B. nicht warten können bis man an der Reihe ist, häufiges Unterbrechen Anderer).

Hingegen sind bei dem vorwiegend unaufmerksamen Erscheinungsbild vor allem Symptome er Unaufmerksamkeit auffällig, während die Betroffenen nicht überdurchschnittlich hyperaktiv oder impulsiv sind. Bei dem vorwiegend hyperaktiv-impulsiven Erscheinungsbild ist es andersherum – hier steht hyperaktives und impulsives Verhalten im Vordergrund und die Aufmerksamkeit ist nicht unbedingt beeinträchtigt.

Allen Typen gemeinsam ist, dass die Auffälligkeiten nicht nur in einem Lebensbereich (z.B. der Schule) auftreten, sondern in mindestens zwei Bereichen (z.B. auch zuhause). Außerdem müssen die Symptome das erste Mal vor dem Alter von 6 Jahren aufgetreten sein (nach neueren Kriterien gilt der 12. Geburtstag als „Stichtag“). Je nach Alter der Kinder bzw. Jugendlichen kann ADHS unterschiedlich „aussehen“.

Jüngere Kinder mit ADHS sind häufig sehr angespannt und gereizt und zeigen hyperaktive Verhaltensweise. Häufig spielen sie nicht besonders intensiv und ausdauernd. Teilweise kann auch die Entwicklung verzögert sein. Auch starkes „Trotzen“ oder ungehorsames Verhalten kann im Zusammenhang mit ADHS stehen. Die Auffälligkeiten werden häufig als „Ungezogenheit“ oder „im Mittelpunkt stehen wollen“ interpretiert, was den Kindern jedoch nicht gerecht wird.

Illustration von einem Jungen, der herumtobt
Nicht alle Kinder mit ADHS sind ein "Zappelphilipp". (Bild: Colorbox)

Nach dem Schuleintritt zeigen sich die Symptome häufig intensiver. So können die betroffenen Kinder oft dem Unterricht nicht gut folgen, sind unruhig und ablenkbar. Damit einhergehend können Lernschwierigkeiten oder Teilleistungsstörungen (z.B. Lese-Rechtschreib-Schwäche) auftreten. Manchmal muss deshalb eine Klasse wiederholt werden, obwohl Kinder mit ADHS nicht weniger intelligent sind als Gleichaltrige. Sie neigen aufgrund ihrer Schwierigkeiten häufig auch zu aggressivem Verhalten. Aufgrund dieser Auffälligkeiten werden die betroffenen Kinder häufig von Gleichaltrigen oder Lehrkräften abgelehnt und als „störend“ wahrgenommen, worunter die Kinder meist stark leiden. Selbstwertprobleme können ein großes Thema sein.

Illustration einer Person die an einem vollen Schreibtisch sitzt
ADHS kann sich auch in Schwierigkeiten bei der Organisation äußern. (Bild: Colorbox)

Bei vielen Kindern mit ADHS besteht die Erkrankung bis ins Jugend- und sogar Erwachsenenalter fort. Wichtig bei Jugendlichen ist, dass Zeichen körperlicher Unruhe (z.B. auf dem Stuhl herumwippen) häufig abnehmen und eher Aufmerksamkeitsprobleme (z.B. Aufgaben nicht zu Ende bringen) im Zentrum der Erkrankung stehen. Auch in diesem Alter kann es zu aggressivem Verhalten kommen, außerdem können Alkohol- und Drogenmissbrauch (teilweise als „Selbstbehandlung“) hinzukommen. Häufig treten auch Stimmungsschwankungen, Ängste oder depressive Verstimmungen auf. Eine ADHS kann weitreichenden Einfluss auf die Lebensgestaltung haben, so bleiben die Betroffenen z.B. bei den Schulnoten und -abschlüssen oft unter ihren Möglichkeiten und haben häufig eher wenige Freundschaften. Trotz aller Einschränkungen haben viele Menschen mit ADHS auch besondere Stärken, z.B. sind sie häufig sehr kreativ und haben viele Ideen. Dieses Potential kann aber aufgrund der beschriebenen Einschränkungen nicht immer genutzt werden.

Bei der Therapie der ADHS wird zunächst eine ausführliche Psychoedukation mit dem Kind und seine Erziehungsberechtigten durchgeführt. Nachdem gemeinsam geschaut wird, welche Verhaltensweisen dem Kind/Jugendlichen besonders schwerfallen, werden diese gezielt trainiert. Dabei sind kognitive Interventionen wichtig, z.B. Konzentrationsübungen. Manchmal ist auch ein Soziales Kompetenztraining hilfreich, um beispielsweise zu üben, wie Konflikte ohne Aggressionen gelöst werden können. Eine zentrale Rolle bei der Behandlung von ADHS spielt die Arbeit mit den Eltern. Dabei wird beispielsweise überlegt, welche Regeln und Rituale in der Familie eingeführt werden könnten, um den Kindern mehr Orientierung zu bieten, aber auch, wodurch die häufig belastete Eltern-Kind-Beziehung gestärkt werden könnte. Bei starken Symptomen kann auch eine medikamentöse Begleittherapie (z.B. mit Methylphendiat) in Erwägung gezogen werden.

Bei der Entstehung einer ADHS kommen verschiedene Faktoren zusammen. Generell gilt die Erkrankung als „Neuronale Entwicklungsstörung“, was bedeutet, dass die Hirnreifung bei Kindern mit ADHS wahrscheinlich verzögert ist. Außerdem ist der Stoffwechsel im Gehirn vermutlich verändert. Eine große Rolle spielen genetische Vorbelastungen (z.B. ADHS oder andere psychische Erkrankungen eines Elternteils). Auch Auffälligkeiten bei Schwangerschaft und Geburt (z.B. Frühgeburt, Rauchen oder Stress in der Schwangerschaft) werden im Zusammenhang mit ADHS berichtet. Es wird angenommen, dass es also eine biologische „Vorbelastung“ bei den Kindern gibt sodass diese „empfindsamer“ gegenüber bestimmten belastenden Erfahrungen (z.B. Gewalt in der Familie, Armut) sind und daraufhin eine ADHS-Symptomatik ausprägen können. Außerdem spielt eine beeinträchtigte „Selbstregulation“ eine Rolle, d.h. die betroffenen Kinder können beispielsweise ihre Aufmerksamkeit nicht so gut steuern, was zu Folgeproblemen führen kann (z.B. können sich dadurch beispielsweise Regeln nicht so gut gemerkt werden). Dazu kommt, dass sich – sowohl als Ursache als auch Folge der Erkrankung – häufig Konflikte in der Familie sowie Erziehungsprobleme ergeben, was die Problematik verstärken und aufrechterhalten kann.

  • American Psychiatric Association (2018). Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5 ® – 2., korrigierte Auflage. (P. Falkai & H.-U. Wittchen, Hrsg.). Göttingen: Hogrefe.
  • Göbel, K., Baumgarten, F., Kuntz, B., Hölling, H. & Schlack, R. (2018). ADHS bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland – Querschnittergebnisse aus KiGGS Welle 2 und Trends. Journal of Health Monitoring, 3(3), 46–53. https://doi.org/http://dx.doi.org/10.17886/RKI-GBE-2018-078
  • Polanczyk, G. V., Willcutt, E. G., Salum, G. A., Kieling, C. & Rohde, L. A. (2014). ADHD prevalence estimates across three decades: An updated systematic review and meta-regression analysis. International Journal of Epidemiology43(2), 434–442. https://doi.org/10.1093/ije/dyt261
  • Schlottke P. F., Strehl, U. & Lauth, G. W. (2009). Aufmerksamkeitsstörung. In S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 3: Störungen im Kindes- und Jugendalter (S. 412–428). Heidelberg: Springer.

Störungen des Sozialverhaltens

Dass Kinder manchmal reizbar sind, wütend werden, oder gegen Regeln verstoßen, ist in der Regel Teil einer normalen Entwicklung. Bei einer Störung des Sozialverhaltens kommt es jedoch über einen längeren Zeitraum zu einem deutlichen Maß an aggressiven Verhaltensweisen und/oder Regelverstößen. Mögliche Anzeichen einer Störung des Sozialverhaltens können beispielsweise ungewöhnlich häufige oder schwere Wutausbrüche, das Schikanieren Anderer, die Zerstörung fremden Eigentums oder häufiges Lügen sein. Weitere Verhaltensweisen, die im Rahmen der Erkrankung auftreten können, sind beispielsweise schwere Regelverstöße wie das Schwänzen der Schule, Stehlen, körperliche Gewalt oder das Weglaufen von zuhause.

Eine Störung des Sozialverhaltens kann sowohl in der Kindheit als auch in der Jugend beginnen, wobei die Symptome sich je nach Entwicklungsstand unterscheiden. Insgesamt erfüllen ca. 4 bis 10 Prozent der Kinder und Jugendlichen die Diagnosekriterien einer Störung des Sozialverhaltens, nur wenige erhalten jedoch eine Behandlung (APA, 2018; Stadler, 2012).

Die Erkrankung kann auch gemeinsam mit anderen Störungen wie ADHS, Depressionen oder Angststörungen oder als Störung mit Oppositionellem Trotzverhalten auftreten. Auch Drogenkonsum und -abhängigkeiten kommen mit zunehmendem Alter der Betroffenen häufig zu der Erkrankung hinzu. Kinder und Jugendliche mit einer Störung des Sozialverhaltens sind durch diese meist sehr stark beeinträchtigt. So haben sie oft Schwierigkeiten in der Schule und im späteren Berufsleben und sehen sich häufig gesellschaftlichen Stigmatisierungen ausgesetzt.

Bei dieser Erkrankung handelt es sich um eine „Vorläuferstörung“ der Störung des Sozialverhaltens, die häufiger bei jüngeren Kindern auftritt. Die betroffenen Kinder zeigen ein langanhaltendes, intensives Muster von ärgerlicher bzw. gereizter Stimmung (z.B. schnell wütend werden), streitsüchtigem oder trotzigem Verhalten (z.B. häufiges absichtliches Verärgern anderer) und/oder rachsüchtigem Verhalten. Im Gegensatz zur Störung des Sozialverhaltens sind die Verhaltensweisen weniger „gravierend“ und umfassen so beispielsweise keine körperliche Gewalt gegenüber anderen Personen. Dennoch sind sie meist mit einem starkem Leidensdruck bei dem Kind selbst und/oder anderer Personen (z.B. der Familie) verbunden.

Illustration von einem wütenden Kleinkind
Häufige, intensive Wutausbrüche können ein Symptom der Erkrankung sein. (Bild: Colorbox)

Es wird angenommen, dass viele Risikofaktoren bei der Entstehung einer Störung des Sozialverhaltens beteiligt sind. Hierbei reicht es jedoch nicht aus, wenn ein Risikofaktor vorliegt, sondern die Störung wird nur ausgeprägt, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen, die sich gegenseitig beeinflussen.

So gibt es bestimmte genetische und neurobiologische Auffälligkeiten, wie zum Beispiel Abweichungen der Aktivierung bestimmter Hirnregionen, die mit der Erkrankung im Zusammenhang stehen können, wenn bestimmte soziale Faktoren hinzukommen. Als soziale Risikofaktoren gelten z.B. Armut, Ablehnung durch Gleichaltrige, Konflikte und Gewalt in der Familie und ein inkonsistenter, strafender Erziehungsstil. Dazu kommen individuelle Risikofaktoren wie beispielsweise eine erhöhte Impulsivität oder ein verzerrtes Selbstbild. Auch Auffälligkeiten in der Schwangerschaft und Geburt (z.B. Alkoholkonsum der Mutter; Frühgeburt) können bei den Kindern Veränderungen im zentralen Nervensystem bewirken, die im Zusammenhang mit einer Störung des Sozialverhaltens stehen.

Eine wichtige Rolle spielt außerdem das „Modelllernen“. Wenn Kinder beispielsweise einem aggressiven Elternteil ausgesetzt sind, können sie sich diese Aggressionen „abschauen“. Dies zeigt, dass aggressive Kinder keinesfalls nur als Täter, sondern auch als Opfer zu sehen sind.

Im Jugendalter haben zudem Gruppen von Gleichaltrigen (die sogenannte „Peergroups“) z.B. im Sinne von „schlechten Vorbildern“ einen großen Einfluss. Eine Theorie besagt, dass Jugendliche meist körperlich zwar schon weit entwickelt, jedoch noch nicht „richtig“ selbstständig sind und durch das Problemverhalten zeigen wollen, wie unabhängig sie von ihren Eltern und anderen Autoritäten sind. Dadurch gewinnen sie Anerkennung von der „Peergroup“, welche wiederum Vorbild für weiteres Problemverhalten sein kann.

Bei der Behandlung der Störung des Sozialverhaltens spielt der Einbezug des sozialen Umfelds des Kindes (z.B. Familie, aber auch Schule/Kita, ggf. Jugendhilfeeinrichtungen) z.B. in Form von „Hilfekonferenzen“ eine zentrale Rolle. Sehr wichtig ist außerdem die Psychoedukation, um das Umfeld und die Kinder/Jugendlichen selbst beispielsweise über zugrundeliegende Risikofaktoren der Erkrankung zu informieren und gemeinsam zu überlegen, wie sich die Erkrankung entwickelt hat und wodurch sie aufrechterhalten wird.

Für manche Eltern ist es hilfreich, Unterstützung bei der Erziehung zu erhalten, indem z.B. Verhaltensregeln erarbeitet werden, aber auch geschaut wird, durch welche Aktivitäten sich die Eltern-Kind-Beziehung verbessern könnte oder welche Stärken der Familie noch ausgebaut werden können. Mit dem Kind/Jugendlichen selbst werden in der Therapie kognitive Interventionen durchgeführt, bei denen beispielsweise eine bessere Kontrolle über Gefühle von Ärger und Wut ein Ziel sein können. Auch das Soziale Kompetenztraining, bei dem z.B. der Umgang mit Konflikten trainiert wird, ist ein wichtiger Therapiebaustein.

  • American Psychiatric Association (2018). Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5 ® – 2., korrigierte Auflage. (P. Falkai & H.-U. Wittchen, Hrsg.). Göttingen: Hogrefe.
  • Lösel, F. & Runkel, D. (2009). Störungen des Sozialverhaltens. In S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 3: Störungen im Kindes- und Jugendalter (S. 454–480). Heidelberg: Springer.
  • Petermann F., Döpfner, M. & Görtz-Dorten, A. (2016) Aggressiv-oppositionelles Verhalten im Kindesalter. Göttingen: Hogrefe.
  • Stadler, C. (2012). Störungen des Sozialverhaltens. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 40, 7–19.

Selbstverletzendes Verhalten

Unter selbstverletzendem Verhalten versteht man eine direkte und absichtliche Schädigung des eigenen Körpers (z.B. Schneiden oder Aufritzen der Haut; Verbrennungen) ohne Absicht, sich dadurch das Leben zu nehmen. Selbstverletzende Handlungen sind ein relativ weit verbreitetes Phänomen unter Jugendlichen, das meist um das 12. bis 14. Lebensjahr beginnt (Jacobson & Gould, 2007). Etwa jede*r 5. Jugendliche*r hat sich schon einmal selbst verletzt oder Schmerzen zugefügt, ca. 9 Prozent davon bereits häufiger (Nixon, Cloutier, & Jansson, 2008; Plener & Kölch, 2013).

Selbstverletzende Handlungen sind für die meisten Jugendlichen sehr schambesetzt und wird daher häufig versucht, zu verbergen (z.B. durch langärmelige Kleidung, wenn Verletzungen an den Armen bestehen). Nicht immer wird den Betroffenen Verständnis entgegengebracht.

Selbstverletzendes Verhalten ist momentan keine eigenständige Krankheitsdiagnose. Häufig wird es bei Erwachsenen mit der Borderline-Persönlichkeitsstörung in Verbindung gebracht, jedoch kann es gerade im Jugendalter im Rahmen vieler anderer psychischer Erkrankungen (z.B. Depression, Angststörung, Essstörung) vorkommen. Teilweise lässt sich auch keine zugrundeliegende psychische Störung feststellen. Wichtig ist, dass das Verhalten nicht pauschal als „Suche nach Aufmerksamkeit“ abgetan, sondern als möglicher Hinweis auf zugrundeliegende Probleme interpretiert werden sollte. Die Mehrzahl aller selbstverletztenden Verhaltensweisen ist zwar kein Ausdruck von lebensmüden Gedanken („Suizidalität“), nichtdestotrotz haben die betroffenen Jugendlichen ein erhöhtes Risiko, später einen Suizidversuch zu begehen.

Eine Hypothese zur Entstehung und Aufrechterhaltung des Verhaltens besagt, dass die betroffenen Jugendlichen das Gefühl haben, sehr starken, überwältigenden Emotionen nicht anderes entgegensetzen zu können als Selbstverletzung und dabei eine Art „Spannungsabbau“ erlebt wird. Damit einher gehen Forschungsergebnisse, die bei den Betroffenen Auffälligkeiten in der Verarbeitung von Emotionen im Gehirn beschreiben. Eine zweite Theorie versteht selbstverletzende Handlungen als eine Form der „Selbstbestrafung“.

Illustration von einem Notfallkoffer
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, mit selbstverletzendem Verhalten umzugehen. (Bild: Colorbox)

Am Anfang einer psychotherapeutischen Behandlung steht die Psychoedukation der betroffenen Jugendlichen und ggf. ihrer Familien über selbstverletztende Verhaltensweisen und mögliche Ursachen. Ein wichtiges Thema für die Therapie ist der Umgang mit (intensiven) Emotionen. Hierbei können kognitive Interventionen, aber auch Entspannungsverfahren zum Einsatz kommen. Außerdem wird gemeinsam nach Strategien gesucht, wie Anspannung besser abgebaut werden kann. Auch ein Soziales Kompetenztraining kann hilfreich sein.

  • American Psychiatric Association (2018). Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5 ® – 2., korrigierte Auflage. (P. Falkai & H.-U. Wittchen, Hrsg.). Göttingen: Hogrefe.
  • Lösel, F. & Runkel, D. (2009). Störungen des Sozialverhaltens. In S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 3: Störungen im Kindes- und Jugendalter (S. 454–480). Heidelberg: Springer.
  • Petermann F., Döpfner, M. & Görtz-Dorten, A. (2016) Aggressiv-oppositionelles Verhalten im Kindesalter. Göttingen: Hogrefe.
  • Stadler, C. (2012). Störungen des Sozialverhaltens. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 40, 7–19.

Traumafolgestörungen

Als „Trauma“ wird das Erleben oder Beobachten einer bedrohlichen Situation bezeichnet, welche die eigenen Bewältigungsmöglichkeiten so massiv überfordern, dass es zu dem Erleben von Hilflosigkeit, Furcht und Entsetzen kommt und/oder die Kinder sehr aufgelöst oder rastlos sind. Traumata können einerseits unvorhersehbare, plötzliche und einmalige Erlebnisse sein (z.B. Verkehrsunfälle oder Verlust einer wichtigen Bezugsperson). Andererseits gibt es auch Traumata, die wiederholt auftreten und teilweise vorhersehbar sind (z.B. Misshandlung innerhalb der Familie oder Kriegserlebnisse).

Noch bis in die 80er Jahre ging man davon aus, dass Kinder auf traumatisierende Ereignisse nur mit leichten und vorübergehenden Störungen reagieren. Mittlerweile ist aber belegt, dass auch schon bei kleinen Kindern langanhaltende traumabezogene Erkrankungen auftreten können, die sich aber teilweise anders äußern als bei Jugendlichen oder Erwachsenen. So können bei jüngeren Kindern z.B. Entwicklungsrückstände, Wutausbrüche oder neu auftretende Trennungsängste eine Reaktion auf Traumata sein, im Schulalter können beispielsweise auch Konzentrations- und Aufmerksamkeitsprobleme auftreten.

Aktuell wird zudem davon ausgegangen, dass traumatische Erfahrungen bei Kindern und Jugendlichen nicht immer zu einer spezifischen Erkrankung führen, sondern die Anfälligkeit für psychische Erkrankungen generell erhöht wird.

Die Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) ist die bekannteste Erkrankung, die infolge eines Traumas entstehen kann. Hauptsymptome sind anhaltende Erinnerungen oder Wiedererleben des Traumas („Flashbacks“, z.B. Alpträume), Vermeidung von Umständen, die mit dem Trauma im Zusammenhang stehen (z.B. bestimmte Orte), Gedächtnislücken in Bezug auf das traumatische Erlebnis und eine erhöhte Anspannung (z.B. in Form von Schlafstörungen oder Schreckhaftigkeit). Bei Kindern können sich die Symptome auch in z.B. wiederholtem Nachspielen der traumatischen Situation, Einnässen, sozialem Rückzug oder neuen Ängsten (z.B. vor Dunkelheit) äußern. Im Schul- und Jugendalter können unter anderem auch Konzentrationsstörungen, Zukunftsängste, Aggressionen oder Drogenmissbrauch ein Ausdruck einer PTBS sein. Auch körperliche Symptome wie Bauchschmerzen können auftreten. 

In einer Studie gab etwa jede:r 5. Jugendliche an, irgendwann im Leben ein traumatisches Ereignis erlebt zu haben, bei ca. 7 Prozent wurde daraufhin eine PTBS diagnostiziert (Essau, Conradt, & Petermann, 1999). Je jünger die Kinder bei dem traumatischen Ereignis sind, desto wahrscheinlicher wird eine PTBS: bei Vorschulkindern entwickeln ungefähr 10 bis 20 Prozent Symptome der Erkrankung als Reaktion auf ein belastendes Ereignis (De Young & Landolt, 2018).

Auch die Art des Traumas spielt eine Rolle für die Häufigkeit einer PTBS. So haben beispielsweise Kinder/Jugendliche, die sexualisierte Gewalt erfahren und/oder mehrfach traumatisiert sind, ein erhöhtes Risiko für die Erkrankung.

Es gibt verschiedene Erklärungen für die Symptome, die bei einer PTBS auftreten.

Ein Modell besagt, dass traumatische Erlebnisse im Gehirn weniger stark verarbeitet und in die Erinnerungen „abgelegt“ werden als andere Erlebnisse, vor allem, wenn die Kinder/Jugendliche in dem Moment nicht richtig verstehen, was ihnen passiert. Dadurch fühlen sie sich auch nachdem das Ereignis schon lange vorüber ist noch bedroht und erleben z.B. „Flashbacks“, bei denen sie das Gefühl haben, wieder in der Situation zu sein. Deswegen versuchen sie beispielsweise Orte, Gerüche etc., die sie an das Trauma erinnern, zu vermeiden. Dadurch haben sie aber nicht die Möglichkeit, die Erfahrung zu machen, dass sie jetzt in Sicherheit sind und ihnen beispielsweise an dem Ort nichts mehr passiert. Deshalb verstärkt sich die Angst vor dem Ort umso mehr.

Außerdem können die Kinder/Jugendlichen durch ein traumatisches Ereignis bestimmte Überzeugungen entwickeln, z.B. „Ich bin nirgends mehr sicher“. Auch das kann zu einem Gefühl der andauernden Bedrohung und zu Vermeidungsverhalten führen. Zusätzlich spielt auch die Bewertung des Ereignisses durch die Eltern eine Rolle. Denken diese sich beispielsweise „Es war meine Schuld, dass meinem Kind das passiert ist und ich muss es ab jetzt immer beschützen“, erschwert das für das Kind die Verarbeitung des Erlebten vermutlich zusätzlich.

Zudem kann durch das Erleben einer traumatischen Situation auch die Fähigkeit des Kindes, mit Emotionen umzugehen („Emotionsregulation“) und sein Verhalten zu steuern nachhaltig beeinträchtigt werden. Das erklärt mögliche andere Folgen von Traumatisierung bei Kindern, wie die Entwicklung von Ängsten oder aggressives Verhalten.

Am Beginn der Behandlung steht eine Psychoedukation, bei der vermittelt wird, wieso das Gehirn auf eine Traumatisierung mit speziellen Symptomen reagieren kann.

Wichtiger Bestandteil der Therapie sind kognitive Interventionen. Dabei geht es vor allem darum, negative Annahmen oder Denkmuster im Zusammenhang mit dem traumatischen Ereignis (z.B. „Ich bin schuld“) aufzuspüren und zu verändern.

Außerdem spielt auch die Exposition/Konfrontation eine Rolle. Dabei ist das Ziel, in der Vorstellung noch einmal zu der traumatischen Situation zu „reisen“, um diese besser und endgültiger in den Erinnerungen abzulegen. Dies geschieht sehr behutsam, Stück für Stück und auch nicht direkt am Anfang der Therapiephase, sondern erst, wenn eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Kind und Therapeut:in aufgebaut ist. Eine Möglichkeit der Konfrontation ist beispielsweise das gemeinsame Schreiben einer Geschichte, die das traumatische Erlebnis beinhaltet. Auch eine direkte Konfrontation mit bestimmten vermiedenen Situationen (z.B. Orten) ist manchmal hilfreich.

Das Erlernen von Entspannungsverfahren, um die allgemeine Anspannung zu senken, ist ein weiterer Teil der Traumatherapie. Meist ist es sinnvoll, wichtige Bezugspersonen wie die Eltern in die therapeutische Arbeit mit einzubeziehen, da diese häufig unsicher sind, wie sie mit der Situation umgehen sollen.

  • De Young, A. C., & Landolt, M. A. (2018). PTSD in Children Below the Age of 6 Years. Current Psychiatry Reports, 20(11). https://doi.org/10.1007/s11920-018-0966-z
  • Essau, C. A., Conradt, J. & Petermann, F. (1999). Häufigkeit der Posttraumatischen Belastungsstörung bei Jugendlichen: Ergebnisse der Bremer Jugendstudie. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie, 27, 37–45.
  • Landoldt, M. A. (2009). Posttraumatische Belastungsstörung. In S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 3: Störungen im Kindes- und Jugendalter (S. 610–628). Heidelberg: Springer.
  • Steil, R. & Rosner, R. (2013). Posttraumatische Belastungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen. In A. Maercker (Hrsg.) Posttraumatische Belastungsstörungen. (S. 352–372). Heidelberg: Springer.
  • Vasileva, M., & Petermann, F. (2020). Traumabehandlung bei Kindern und Jugendlichen. Zeitschrift Für Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie, 68(1), 1–4. https://doi.org/10.1024/1661-4747/a000399

Zwänge

Manchmal „wie aus einem inneren Zwang heraus“ etwas tun zu müssen, das kennen die meisten Menschen – sei es, die Pflastersteine auf dem Weg zu zählen, Bücher im Regal in bestimmter Weise zu ordnen oder etwas Wichtiges ausgiebig zu putzen. Kinder können für das Gute-Nacht-Ritual genaue Regeln festgelegt haben und strengstens auf ihre Einhaltung achten, ohne dass dies Besorgnis erregen muss. Und am „Lava-Spiel“, bei dem man gewisse Stellen des Bodens nicht betreten darf, haben die meisten Kinder viel Freude.

Teilweise werden Zwänge allerdings so groß, dass jemand sich hilflos von ihnen gefangengenommen und herumkommandiert fühlt. Das betrifft 2 bis 4 Prozent aller Menschen (Heyman et al. 2003). Im Kindesalter treten Zwangsstörungen etwas seltener als bei Jugendlichen und Erwachsenen und häufiger bei Jungen als bei Mädchen auf (Simons, 2009).

Typisch für eine Zwangsstörung sind in der Regel Zwangsgedanken und/oder Zwangshandlungen. Zwangsgedanken erkennt man daran, dass sie sich immer wieder ungewollt aufdrängen und dabei überaus bildhaft und eindrücklich vor dem inneren Auge erscheinen. Sie sind wie ein gedanklicher Schluckauf und bereiten oft Sorgen oder Ängste, die aus objektiver Perspektive ein übertriebenes Ausmaß haben. Oft sieht das die betroffene Person genauso, kann sich aber nicht gegen die ständig wiederkehrenden Gedanken wehren. Stattdessen entstehen dann Zwangshandlungen als Versuch, die Gedanken zu lindern. So kann sich aus der anhaltenden Befürchtung, von etwas Gefährlichem verunreinigt oder angesteckt worden zu sein, ein ausführliches Wasch-Ritual entwickeln. Eine andere, häufig auftretende Angst bezieht sich darauf, durch nicht abgeschaltete Geräte oder andere Vergesslichkeiten in Gefahr zu geraten, weswegen ein allabendliches Kontroll-Ritual für Stecker, Geräte u.ä. entsteht. Zum Teil ist es auch das schlechte Gewissen, das dazu zwingt, bestimmte Ordnungen oder Abläufe genau einzuhalten und das keine Abweichungen zulässt. Familienmitglieder werden dabei oft in das zwanghafte Handeln eingebunden, zum Beispiel durch lange Fragerituale oder Rückversicherungen.

Meist geht es um unangenehme, beängstigende oder schambesetzte Themen. Im Jugendalter treten zu den Ängsten um das eigene Leben und die Gesundheit vermehrt Schuld- und Schamgefühle wegen aufdringlicher sexueller oder gottesverachtender Gedanken auf. Dann können Zwangshandlungen auch mentaler Natur sein und im stillen Wiederholen bestimmter Wörter oder Gebete oder dem angestrengten Denken von „Gegengedanken“ bestehen.

Illustration vom Händewaschen mit Seife
Ein Zwang kann sich zum Beispiel als Waschzwang äußern. (Bild: Colorbox)

Ein Grund für das Leiden mancher Kinder und Jugendliche unter aufdringlichen negativen Gedanken und ihren Folgen könnte sein, dass sie im gedanklichen Umgang mit diesen Themen schneller Gefahr, persönliche Verantwortung oder Schuld wittern. Außerdem bringen sie Gedanken und Handlungen leicht in Verbindung und befürchten zum Beispiel, dass Geschehnisse wahrscheinlicher werden, wenn sie ausgiebig daran denken, oder dass zwanghafte Gedanken ihre bösen innerlichen Absichten offenbaren. Aus der Beschäftigung mit den eigenen Gedanken entsteht oft ein Teufelskreis, da diese dadurch noch stärker werden. Der Versuch, die Gedanken zu kontrollieren oder zu mildern, indem Zwangshandlungen ausgeführt werden, mündet ebenfalls in einer langfristigen Zunahme der ungewollten Gedanken.

Zu Beginn ist es wichtig herauszufinden, was die genauen Auslöser der Zwangsgedanken und -handlungen sind und wie in der Regel darauf reagiert wird. In der Psychoedukation wird geklärt, warum sich gewisse Abläufe so entwickelt haben könnten und dass man sich in der Psychotherapie nicht schämen muss, auch alle unangenehmen Gedanken laut zu sagen. Diese werden als „Befehle“ des Zwangs verstanden, der sich ungefragt ins Leben einmischt. Nun gilt es, ihm die Stirn zu bieten und sich diese Vorschriften nicht mehr gefallen zu lassen. In der Exposition/Konfrontation wird genau das Gegenteil von dem, was der Zwang befiehlt, getan. So kann wieder mehr Selbstvertrauen entstehen. Dabei ist es wichtig, die sonst angewandte Strategie - also Zwangshandlung - zu unterlassen. Mithilfe kognitiver Interventionen können außerdem die bedrohlichen Zwangsgedanken betrachtet, umstrukturiert und entkräftet werden.

  • American Psychiatric Association (2018). Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen DSM-5 ® – 2., korrigierte Auflage. (P. Falkai & H.-U. Wittchen, Hrsg.). Göttingen: Hogrefe.
  • Heyman, I., Fombonne, E., Simmons, H., Ford, T., Meltzer, H., & Goodman, R. (2003). Prevalence of obsessive-compulsive disorder in the British nationwide survey of child mental health. International Review of Psychiatry, 15, 178–184.
  • Simons, M. (2009). Zwangsstörung. In S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 3: Störungen im Kindes- und Jugendalter (S. 630–645). Heidelberg: Springer.

 

Essstörungen

Die meisten Essstörungen nehmen ihren Anfang im Jugendalter und beeinflussen die weitere körperliche und psychosoziale Entwicklung stark. Zwischen 0,5 und 5 Prozent der Mädchen und Frauen zwischen 12 und 25 Jahren sind betroffen (Gerlinghoff & Backmund, 2004). Entgegen häufiger Annahmen sind auch Jungen und Männer von diesen Störungen betroffen, wenn auch weniger oft. Wegen der körperlichen Gefahren, die ein gestörtes Essverhalten mit sich bringt, ist es besonders wichtig, über Möglichkeiten des Erkennens und Eingreifens, aber auch der Vorbeugung Bescheid zu wissen.

Ein wesentliches Merkmal von an Essstörungen erkrankten Jugendlichen ist ein verringertes Selbstwertgefühl, auf das das eigene Gewicht einen entscheidenden Einfluss hat – oder besser gesagt, die Wahrnehmung und Bewertung des eigenen Gewichts und Körpers. Diese unterscheiden sich nämlich oft stark davon, wie andere nahestehende Menschen sie einschätzen würden. Mit dem verringerten Selbstwertgefühl hängen Unsicherheit und meist auch Selbstverurteilung zusammen. Essen – oder Nichtessen – kann dann ein Bewältigungsversuch sein, indem es tröstet, betäubt, bestraft, oder einfach das Gefühl von Macht und Kontrolle vermittelt.

Um zu erklären, wie Essstörungen entstehen, muss man viele Faktoren berücksichtigen. Das moderne westliche Schönheitsideal ist häufig der Ausgangspunkt für ein negatives Körpergefühl – aber es als alleinigen „Sündenbock“ zu verwenden, würde nicht weit genug führen. So spielen Probleme und Spannungen innerhalb von Familie oder Freundeskreis, Persönlichkeitszüge wie ein hoher Leistungsanspruch an sich selbst und weitere psychologische sowie körperliche Faktoren ebenfalls wichtige Rollen.

Illustration von einer schlanken Person, die sich im Spiegel als übergewichtige Person sieht
Eine verzerrte Körperwahrnehmung ist charakteristisch für die Anorexie. (Bild: Colorbox)

Die Magersucht ist wohl die bekannteste, wenn auch längst nicht die einzige Essstörung. Im Mittelpunkt steht der sehnliche Wunsch, dünner zu werden – unabhängig vom derzeitigen Gewicht. Ein notwendiges Kriterium, um eine „Störung mit Krankheitswert“ zu diagnostizieren, ist ein Body Mass Index (BMI) von 17,5 oder weniger. Dieser Wert bezeichnet das Verhältnis des Körpergewichts zur Größe. Jedoch entwickelt sich dieses Verhältnis im Laufe des Erwachsenwerdens. Bei Heranwachsenden ist es deshalb sinnvoll, den errechneten BMI mit den Werten, die andere Menschen desselben Alters und Geschlechts aufweisen, dahingehend zu vergleichen, ob er zu den untersten 10 Prozent gehört. Bei Mädchen und Frauen hat ein so niedriges Gewicht meist zur Folge, dass die Menstruation aussetzt oder gar nicht erst eintritt. Weitere Merkmale sind ein zurückhaltendes, stark kontrolliertes Essverhalten und ein enormes Maß an körperlicher Betätigung, zum Beispiel Joggen, Radfahren oder Gymnastik (Herpertz-Dahlmann & Schwarte, 2009). Strenge Disziplin und ein hoher Leistungsanspruch sind oft auch in anderen Bereichen des Lebens – wie dem schulischen – zu finden. Bisherige Hobbys und Freizeitaktivitäten werden dagegen, genauso wie Freundschaften, oft zunehmend weniger gepflegt. Ein Teil der Erkrankten greift für einen immer weiteren Gewichtsverlust zu Abführmitteln oder erbricht aufgenommene Nahrung wieder.

In der Therapie muss häufig zuerst auf die körperlichen Folgen der Erkrankung eingegangen werden. Weil es dem Körper an Energie und Nährstoffen fehlt, kommt es zu mitunter gefährlichen Blut- und Stoffwechselveränderungen. Auch Konzentration und Denkvermögen sind eingeschränkt, sodass viele Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie noch gar nicht eingesetzt werden können. Deshalb geht es zuvor darum, eine stabile Ausgangsposition für die Psychotherapie zu erreichen. Dazu gehören ein etwas erhöhtes Körpergewicht und ein grundlegendes Krankheitsverständnis. Die Ziele werden mithilfe von Psychoedukation, Ernährungsberatung und Verstärkerplänen verfolgt. Ist diese erste Etappe gemeistert, kann gemeinsam den Denkmustern hinter der Essstörung durch kognitive Interventionen auf die Spur gekommen werden. Manchmal ist ein soziales Kompetenztraining hilfreich, um den Umgang mit essensabhängigen Situationen zu üben und das Selbstwertgefühl zu stärken. Das geschieht auch im Austausch mit anderen Betroffenen innerhalb von gruppentherapeutischen Sitzungen.

Wichtig ist es außerdem, die Familien der Erkrankten nicht zu vernachlässigen, die oft ratlos, belastet oder von Schuldgefühlen geplagt sind. Sie sollten für das Bestreiten des Heilungsprozesses mit ins Boot geholt und mit Werkzeugen ausgestattet werden, um ihrem Kind positiv zur Seite stehen zu können. Manchmal werden zu diesem Zweck Psychoedukationsprogramme für Angehörige angeboten. Familientherapeutische Sitzungen mit den Eltern oder auch Geschwistern der Betroffenen sind sinnvoll, wenn familiäre Probleme zur Entstehung oder Verfestigung der Essstörung beigetragen haben könnten.

Auch an Bulimie erkranken meist Mädchen, jedoch liegt der Erkrankungsbeginn in der Regel im späteren Jugendalter. Zentral ist wie bei der Magersucht die veränderte Wahrnehmung des eigenen Körpers in Verbindung mit dem sehnsüchtigen Wunsch, das persönliche Traumgewicht zu erreichen. Ein Unterschied besteht jedoch darin, dass das Essverhalten nicht so strikt kontrolliert werden kann. Vielmehr treten „Essanfälle“ auf, die im Nachhinein durch sogenannte kompensatorische Verhaltensweisen ausgeglichen werden. Das können zum Beispiel Erbrechen, Fasten oder der Gebrauch von Abführmitteln sein.

Bei der Binge-Eating Störung kommt es, genau wie bei der Bulimie zu wiederholten „Essanfällen“, bei welchen die Betroffenen das Gefühl haben, die Kontrolle über das Essverhalten zu verlieren. Häufig sind diese sehr schambesetzt und nach dem übermäßigen Essen treten oft Schuldgefühle auf. Anders als bei der Bulimie werden jedoch keine kompensatorischen Verhaltensweisen eingesetzt.

Adipositas ist ein starkes Übergewicht, unter dem betroffene Kinder und Jugendliche in besonderem Maße leiden. In Deutschland sind laut den Ergebnissen des bundesweiten Kinder- und Jugendgesundheitssurverys „KIGGS“ 6,3 Prozent der Heranwachsenden adipös (Kurth & Schaffrath Rosario, 2007). Das Vorliegen wird mithilfe des BMI beurteilt: Ist er höher als mindestens 95 Prozent der ansonsten in der Altersgruppe auftretenden Werte, wird von einer Adipositas gesprochen (Munsch, 2009).

Auch wenn die genetische Veranlagung einen wesentlichen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit einer Adipositaserkrankung hat, kann man doch individuellen und besonders familiären Verhaltensweisen eine hohe Bedeutung beimessen. So sind ein passiver Lebensstil mit wenig Bewegung sowie der Verzehr vieler fettreicher und raffinierter Lebensmittel ausschlaggebende Faktoren für die Entwicklung von Adipositas. In der Therapie geht es deshalb darum, die Lebensgewohnheiten mithilfe von Selbstbeobachtungsprotokollen gezielt zu analysieren und so Ansatzpunkte für die Behandlung zu finden.

Es ist sehr wichtig, die ganze Familie in den Prozess der Entwicklung und Umsetzung von Veränderungsmöglichkeiten einzubeziehen — oft ist diese zu Beginn mühsam und erfordert Kraft und gegenseitige Ermutigung, um durchzuhalten. Ein gruppentherapeutischer Austausch mit Gleichaltrigen, die vor denselben Herausforderungen stehen, ist ebenfalls oft hilfreich.

  • Gerlinghoff, M. & Backmund, H. (2004). Essstörungen im Kindes- und Jugendalter. Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 47doi.org/10.1007/s00103-003-0791-2
  • Kurth, B. M. & Schaffrath Rosario, A. (2007). Die Verbreitung von Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Ergebnisse des bundesweiten Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS).
  • Bundesgesundheitsblatt - Gesundheitsforschung - Gesundheitsschutz, 50doi.org/10.1007/s00103-007-0235-5
  • Herpertz-Dahlmann, B. & Schwarte, R. (2009). Anorexia nervosa. In S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 3: Störungen im Kindes- und Jugendalter (S. 689–717). Heidelberg: Springer.
  • Munsch, S. (2009). Adipositas und Binge Eating Disorder. In S. Schneider & J. Margraf (Hrsg.), Lehrbuch der Verhaltenstherapie, Band 3: Störungen im Kindes- und Jugendalter (S. 718–738). Heidelberg: Springer.

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